Umschlag und Blick in das Buch

Leseprobe

Auszug aus Kunjana – Das kleine Panzernashorn:

Der Mensch im dunklen Anzug

Wenn Michaela im Elefanten-Camp zu tun hat, nimmt sie mich seither immer mit. Ich kenne den Weg ins Elefanten-Camp aber schon gut und darf auch alleine Bahini besuchen gehen. Mit Bahini spielen ist lustig. Manchmal dürfen wir auch im Fluss schwimmen. Sajan und Mama Sumita passen auf, dass wir nicht zu übermütig werden. Manchmal geht Sumita auch mit ins Wasser. Dann kann ich unter ihrem Bauch durch tauchen und um sie herum schwimmen. Wenn die kleine Bahini müde ist, gehe ich nach Hause und hole mir Bananen von den Touristen. Kannst Du auch schon tauchen und schwimmen?

Jetzt darf ich nicht mehr ins Elefanten-Camp gehen. Beim Eingangstor lassen sie mich nicht hinein. Der Mensch beim Tor sagt: „Du weißt doch, ich darf Dich nicht herein lassen, Kunjana. Dieses Camp ist für Elefanten und nicht für Nashörner. Das Nashorn-Camp liegt am anderen Ende des Tales. Dort gibt es sicherlich viele Nashornkinder als Spielkameraden. Ein Nashornmädchen ist kein Spielkamerad für Elefanten. Geh endlich weg da und halte die Leute nicht auf.“

Ich finde das wirklich gemein! Und es macht mich traurig, dass ich nicht mehr mit Bahini spielen darf. Weißt Du, warum ich nicht hinein darf? Soll ich es Dir erzählen? Ich erzähle es Dir.

Eines Tages war ich mit Bahini und einigen anderen Elefanten-Kindern am Ufer des Flusses. Die Elefanten-Mamas und die Mahouts waren auch dabei und passten auf uns auf. Sajan richtete uns eine große Suhle her.

Weißt Du, was Mahouts sind? Ich weiß es. Das sind Menschen, die im Elefanten-Camp arbeiten und sich um die Elefanten kümmern. So wie Tierpfleger in einem Zoo. Warst Du schon ein Mal in einem Zoo?

Und weißt Du, was eine Suhle ist? Ich weiß es. Eine Suhle ist ein Schlammloch. Ein Loch in der Erde, mit Wasser und Sand oder Erde drinnen. Wenn man sich da drinnen wälzt, entsteht ein richtig schöner Gatsch.

Eine Suhle ist ein fabelhafter Spielplatz für Elefanten und Nashörner. Es ist sooo schön, sich im Gatsch zu suhlen, bis man von oben bis unten und von vorne bis hinten mit Schlamm bedeckt ist! Mama Sumita und Sajan sagen, wir dürfen das. Schlamm ist gut für die Haut von Elefanten und Nashörnern. Das ist wie Eincremen für Menschen.

Das Spielen in der Suhle war ein riesen Spaß! Auch die Mahouts hatten Spaß beim Zuschauen. Sie lachten fröhlich und füllten Wasser ins Schlammloch nach. Gerade als ich einen Purzelbaum in die Suhle machte und meine Beinchen zum Himmel zeigten, wurde es plötzlich ganz still um uns herum. Ein Mensch in einem dunklen Anzug stand neben mir.

„Was ist hier los?“ fragte er grantig. Dann sah er mich entsetzt an. „Und was ist das?“ schrie er. – „Kunjana, das Nashornmädchen aus dem Wald, Boss“, antwortete Sajan freundlich.

„Das sehe ich auch, dass das ein Nashorn ist!“ brüllte der Mensch im dunklen Anzug noch lauter. „Was hat es hier verloren? Wir sind ja nicht im Nashorn-Camp!“

Gerade in diesem Augenblick stand ich wieder auf allen vier Beinchen. Ein großer dicker Schlammtropfen rutschte langsam von meinem Hörnchen auf meine Oberlippe. Das hat so gekitzelt, ich musste heftig meinen Kopf schütteln. Viele große und kleine Schlammtropfen flogen durch die Luft. Der dunkle Anzug des Mannes war über und über voller Schlammtropfen. Er hatte sogar auf seinem Gesicht und in den Haaren Schlamm picken.

,,Ihhhhh! Wäh! Igittl“ Ich habe vorher noch nie einen Menschen so laut und zornig brüllen gehört. Vor lauter Schreck wollte ich nur weglaufen. Und da passierte es. Ich habe es nicht absichtlich gemacht, ganz bestimmt nicht. Ich sah die offene Tür im kleinen Haus hinter dem Mann mit dem dunklen Anzug. Voller Panik lief ich hinein und wollte mich dort unter dem Tisch verstecken. Doch dieser Tisch war so klein und ich schon so groß, ich passte nicht mehr drunter. Jetzt ist der Tisch kaputt, und die Sessel, die neben dem Tisch standen, auch. Und alles ist voller Schlamm, auch der Laptop, der auf dem Tisch lag.

Der Mensch im dunklen Anzug lief hinter mir her und sperrte die Tür der Hütte zu. Danach hüpfte er vor der Hütte herum wie ein Rumpelstilzchen. Sajan wollte ihn beruhigen: ,,Boss, die Kleine hat das ja nicht absichtlich gemacht. Sie ist ein so liebes Nashornkind, sie hat sich doch nur erschreckt.“ „Ein liebes Nashorn? Sind Sie verrückt? Das Tier ist aggressiv und lebensgefährlich. Es bleibt da drinnen, bis es abgeholt und in das Nashorn-Camp gebracht wird. So etwas Gefährliches kann man doch nicht frei herumlaufen lassen.“ Das konnte man sicher im ganzen Tal hören, so laut brüllte der Mensch im dunklen Anzug.

Sajan ist ein sehr lieber Mensch. Er rief nicht im Nashorn-Camp an. Nein, er telefonierte mit meiner Menschen-Mama, damit sie mich abholt. Als die Tür zur Hütte aufging, zitterte ich am ganzen Körper vor lauter Angst. Michaela stand in der Tür. Ich war so froh, dass sie da war. ,,Och Süße, ist Dir eh nichts passiert?“ fragte Michaela besorgt und umarmte mich. „Kuni, manchmal bist Du wirklich ein riesengroßes Kipferl. Was machst Du bloß für Sachen. Komm, ich bringe Dich nach Hause. Später rede ich mit dem Boss vom Elefanten-Camp, wenn er sich wieder beruhigt hat.“